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3.2. Auswanderung deutscher Juden nach
Großbritannien
Die nun folgende Text soll zeigen, inwieweit jüdische Wissenschaftler,
Mediziner, Künstler, Rechtsanwälte und Geschäftsleute Vorteile
gegenüber ihren nicht gelehrten Glaubensgenossen bei der Flucht aus
Deutschland hatten. Mußten sich die sogenannten einfachen Menschen an
Flüchtlingsorganisationen wenden, mit denen sie in fremde Länder ohne
eine berufliche Perspektive kamen, so nutzten bekanntere Persönlichkeiten
ihre Verbindungen zu Persönlichkeiten aus anderen Ländern, was im
folgenden am Beispiel Englands beschrieben wird. Anhand dieser Beschreibung wird
auch das Verhalten Englands gegenüber den deutschen Emigranten
beleuchtet.
Allgemein kann man sagen, daß diejenigen Persönlichkeiten, die
als erste in England eintrafen in einer sehr glücklichen Position waren, da
sie, im Gegensatz zu den späteren Emigranten noch Geld und
persönlichen Besitz mit sich führen durften, was ihnen den Start in
einem fremden Land wie England sehr erleichterte. Diese Gruppe der zuerst
eintreffenden deutschen Juden, bestand größtenteils aus bekannten
Wissenschaftlern, Geschäftsleuten mit guten Verbindungen und bekannten
Künstlern.
Den Wissenschaftlern wurde in England von Organisationen wie dem
Academic Assistance Council (AAC), das später in Society for the
Protection of Science and Learning (SPSL) umbenannt wurde und sich
schließlich mit der „Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im
Ausland„ verbündete, geholfen, erneut Arbeit zu finden, die sie
bereits in Deutschland ausübten.
Ein gutes Beispiel für diese länderübergreifende Hilfe der
Akademiker untereinander ist die Geschichte des Biochemikers Professor C. aus
Berlin, der sich durch Studienaufenthalte in London vor 1933 bereits gute
Kontakte aufgebaut hatte, die ihm bei seiner späteren Flucht aus
Deutschland zugute kamen, da sich seine englischen Kollegen an ihn erinnerten
und ihm einen Job verschafften.
Aber obwohl es hier so scheint, als ob England ein Land war, das
jüdischen Emigranten aus Deutschland wohl gesonnen war, es war nicht der
Fall. England interessierte sich bei der Aufnahme der Emigranten eigentlich nur
für seine eigenen Vorteile, so daß jeweils nur die Besten ihrer
Gebiete mit offenen Armen empfangen wurden, der Rest jedoch mit Argwohn und
sogar Antisemitismus von Seiten der englischen Kollegen zu kämpfen
hatte.
„This is
not to say, however, that the refugee scholars were always received with open
arms by their British colleagues. One of the main principles of the highly
selective admissions policy of the SPSL had been to avoid friction with the
latter. But even after having overcome this barrier, the foreign scholar was
often faced with xenophobia or antisemitism.„(Bergham 1984:80)
Im folgenden soll nun belegt werden, daß nicht alle gelehrten Juden
aus Deutschland die großen Vorteile hatten wie Professor C., auch wenn die
meisten immer noch bessere Chancen als die jüdische Normalbevölkerung
Deutschlands hatten.
Die Zahl der Ärzte, die nach England kommen durften, um dort zu
praktizieren, wurde durch den Einspruch der British Medical Association
(BMA) von ursprünglich 500 auf 50 reduziert, so daß die meisten in
England ohne Job blieben, zumal ihre in Deutschland erworbene Ausbildung nicht
anerkannt wurde. Die Folge hieraus war, daß hunderte deutscher Ärzte
ihre Ausbildung in England noch einmal wiederholten. Viele dieser Juden brachen
jedoch die Ausbildung ab, da sie das Geld dafür nicht aufbringen konnten
und außerdem noch ihre Familie ernähren mußten. Diese
Einschränkungen, welche die aus Deutschland emigrierten jüdischen
Ärzte zu ertragen hatten, verschärften sich nach 1938 noch, und es
dauerte bis nach 1945, bis sie in England eine Gleichbehandlung
erfuhren.
Noch schlimmer ging es den jüdischen Personen mit einer juristischen
Ausbildung, die nach England kamen, da ihnen das in Deutschland erworbene Wissen
über das deutsche Rechtssystem so gut wie gar nichts nutzte, denn das
britische Rechtssystem unterscheidet sich grundsätzlich vom deutschen. Die
einzigen, die es nicht ganz so schwer hatten, waren diejenigen, deren
Spezialgebiete sich über das deutsche Recht hinaus erstreckten und
internationales oder englisches Recht umfaßten.
Die Folgen für die Juristen, die auf das deutsche Recht fixiert waren,
bestanden darin, daß sie entweder erneut anfangen mußten, englisches
Recht zu studieren, oder sich Arbeit in anderen Bereichen der Gesellschaft zu
suchen. Dort gab es relativ viele Möglichkeiten, wie zum Beispiel die
Arbeit als Bankangestellter, als Journalist oder als Schriftsteller, von denen
aus einige nach dem Krieg wieder in ihre eigentlich erlernte Arbeit als Jurist
wechselten.
Die nächste hier zu beobachtende Gruppe bestand aus Künstlern und
Autoren, mit denen ähnlich verfahren wurde, wie mit den oben zuerst
angesprochenen Wissenschaftlern. Die berühmten und in England bekannten
hatten es relativ leicht, in England ein gutes Leben zu führen, wohingegen
die unbekannteren oft hart kämpfen mußten.
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