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5.3. „Meine Heimat ist - die deutsche
Arbeiterbewegung„ - Richard Löwenthal
Richard Löwenthal wird am 15. April 1908 in Berlin geboren. Sein
Elternhaus war ein, wie er es bezeichnet, „sehr unjüdisches
jüdisches Haus„. Der Vater, ein Textilvertreter, war ungläubig,
die Mutter hatte eine „ganz vage Allerweltsreligion, die nichts
Spezifisches an sich hatte.„ In diesem Umfeld aufgewachsen, wußte
auch Richard wenig vom Judentum, fühlte sich auch nicht in erster Linie als
solcher und hatte nicht den Eindruck, in diesem Land fremd zu sein.
Richard Löwenthal war schon als Jugendlicher politisch aktiv, las Marx
und war seit 1926 Mitglied der KPD, studierte bei Max Weber und Carl Jaspers
Nationalökonomie. 1933 trat er in die illegale Widerstandsbewegung
„Neu Beginnen„ ein, aus politischer, nicht aus religiöser
Motivation, deren Leitung er bald angehörte und deshalb schon früh ins
Exil nach Prag gehen mußte, 1938 dann nach Paris und kurz vor
Kriegsausbruch nach London: „Das war eine der ganz wenigen Gelegenheiten
in meinem Leben, bei der ich von politischer Arbeit persönlich profitiert
habe.„
Löwenthal hat England sehr gemocht, war beeindruckt von einem Land,
das „trotz konservativer Regierung eine im Kern [...] sehr gesunde
Demokratie„ war, und das in so widrigen Zeiten, in der man allein stand,
fast ganz Europa von den Deutschen besetzt war: „[...] ungeheuer
eindrucksvoll! Ich habe zum ersten mal gelernt, was es heißt, in einem
liberalen, demokratischen Land zu leben, in dem bestimmte Dinge
selbstverständlich sind.„ Jedenfalls bis zu einem gewissen Grad,
Löwenthal hat auch die Erfahrung gemacht, wie sich England unter dem Druck
verändert hat. Hatten die Briten zu Beginn des Krieges nur alle feindliche
Ausländer, die bereits zuvor erwähnten „enemy aliens„,
registriert und in drei Klassen eingeteilt - solche, gegen die nichts vorlag,
solche, gegen die etwas negatives vorlag und schließlich solche, über
die etwas Positives vorlag, Löwenthal gehörte zur letzten Gruppe, so
änderte sich bereits 1940 die britische Politik auf drängen der
Bürokratie des Innenministeriums die Fremdenpolitik. Innenminister Herbert
Morrison faßte widerstrebend den Beschluß, alle „enemy
aliens„ internieren zu lassen. Löwenthal hierzu: „Aber es wurde
à la Anglais durchgeführt: freundlich und
schlampig!„
Die bei weitem überwiegend positiven Erfahrungen in seinem
Zufluchtsland, in dem er ab 1942 als Journalist arbeitete, lassen Richard
Löwenthal auch heute noch eine enge Bindung an Großbritannien
verspüren, er hat die britische Staatsbürgerschaft, die er
während seines Aufenthaltes angenommen hatte, nie aufgegeben, obwohl er
inzwischen auch wieder einen deutschen Paß besitzt. 1948 kehrt er ins
besiegte Deutschland zurück, wie er sagt, „ohne psychologische
Schwierigkeiten„: „Das was da passiert war, war für mich nicht
das Handeln ‚der Deutschen‘, weil ich aus dieser Zeit andere
Deutsche als Freunde, als Nazi-Gegner kannte. Das ist eine ganz andere Situation
als die der meisten jüdischen Emigranten.„
Seit 1961 ist er wieder vollständig in Deutschland zu Hause, hat eine
Professur für Politische Wissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien
Universität Berlin inne und fühlt sich dort „sehr stark zu
Hause. Ich bin zwar Kosmopolit, aber nicht wurzellos. Meine Heimat ist die
deutsche Arbeiterbewegung.„
Zitiert nach: Funke, Hajo. Die andere Erinnerung -
Gespräche mit jüdischen Wissenschaftlern im Exil. Frankfurt, 1989:
Fischer Taschenbuch Verlag GmbH (402ff)
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