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Um an Deutschland zu denken, bleibt ihr kaum die Zeit: „Da war so
viel zu lernen in den vier Jahren, wahrscheinlich muß man da viel
arbeiten. Ich denke, ich habe nicht viel dran gedacht.„ Die Lebenszeichen
von Freunden und Verwandten, welche die Flucht aus Deutschland nicht geschafft
haben, werden auch immer seltener, bis sie nach und nach alle enden. „Als
die Briefe dann plötzlich aufhörten, habe ich, glaube ich,
gewußt, warum.„ Miriam vermutet, das sie jedoch zu dem Zeitpunkt der
Schulalltag wesentlich mehr beschäftigt hat, als das ferne
Deutschland.
Als sie 1942 ihren Schulabschluß erlangt hat, beginnt sie bis einen
Diplomkurs an der kriegsbedingt von London nach Oxford ausgelagerten
Kunstschule. Während dieser Zeit, und auch während der folgenden
einjährigen Lehrerausbildung, die 1947 in eine berufliche Anstellung
mündete, vermied sie es, ein Namensschild vor sich aufzustellen, da sie
sich für ihren deutschen Namen schämte. Jedoch all ihren
Bemühungen zum Trotz, nicht als Ausländerin erkannt zu werden,
für die englischen Behörden bleibt sie es: während des gesamten
Krieges unterliegt sie als sogenannter „enemy alien„ starken
Einschränkungen ihrer persönlichen Freiheit. So darf sie im Winter nur
bis 21.30 Uhr im Freien aufhalten, im Sommer bis 22.30 Uhr, darf nicht einmal
ein Fahrrad besitzen. Diese Ausgangs- und Bewegungsfreiheitseinschränkungen
treffen Miriam besonders schwer.
Als sie Mitte zwanzig ist, trennt sie sich von ihrem langjährigen
Freund, ebenfalls ein Jude, und geht völlig überhastet eine Ehe mit
dessen englischem Freund ein, die jedoch nur 18 Monate hält. Im nachhinein
glaubt Miriam, sie habe nur von zu Hause weggewollt nach dem Abschluß
ihrer Ausbildung. Sie lebt anschließend beinahe zehn Jahre, bis zu ihrer
Scheidung von ihrem ersten Mann, allein in London, wo sie sich ein Haus gemietet
hat.
Im Gegensatz zu ihren Eltern, die bis zu ihrem Tode fast
ausschließlich mit anderen Emigranten verkehren, hat Miriam in ihrem
privaten Umfeld vorrangig Engländer.
Mit ihrem zweiten Mann, ebenfalls ein Nichtjude, bekommt sie 1964 eine
Tochter, Rebecca, die nicht religiös-jüdisch erzogen wird. Miriam, die
sich jetzt selber bei ihrem zweiten Namen Claire nennt, ist selber auch nicht
religiös, geht nur einmal im Jahr mit ihren Eltern am Jom Kippur in die
Synagoge. Für sie selber hat als einziger jüdischer Feiertag Jom
Kippur eine Bedeutung, an diesem Tag fastet sie. Wie Claire selber sagt jedoch
nicht aus eben einer religiösen Motivation, sondern „[...] zur
Erinnerung an alles, was war„. Mehr ist von ihrem Judentum einfach nicht
geblieben, da, wo sie nun lebt, „gibt es so etwas nicht, und ich
würde es auch nicht mehr verstehen.„
Sie hat zu ihrer Vergangenheit ein, wie sie von sich sagt, recht
kompliziertes Verhältnis, doch läßt sie sie nun im Alter zu,
vielleicht gebe es, so räumt sie ein, im Alter dich so etwas wie die
Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln:
„Ich denke jetzt viel an die Vergangenheit, und werde versuchen, es
alles für meine Tochter aufzuschreiben. [...] Bis jetzt haben mir meine
eigenen Leute wohl nicht so gefehlt. Man hat so sehr versucht, alles zu
vergessen und im Hintergrund zu lassen. Aber das ist wohl nicht natürlich,
ziemlich spät kommt die Zeit, auszukramen. Erst jetzt, nach all den Jahren
denke ich daran.„
Claire sagt von sich, sie sei Wurzellos, doch das sei nicht weiter schlimm.
Heute würden viele Menschen sowieso keine Wurzeln mehr haben wollen. Und,
auf die Frage, wann sie begonnen hat, sich in England heimisch zu fühlen,
antwortet sie lachend: „Immer noch nicht!„
(Zitiert nach: Benz, Wolfgang (Hrsg.): Das Exil der kleinen
Leute - Alltagserfahrung deutscher Juden in der Emigration.
München, 1991: Verlag C. H. Beck: „Nach all den Jahren denke ich
daran„ von Bernd Ulrich und Angelika Tramitz (188ff)
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