5.1 „Nur
jetzt nach all den Jahren denke ich daran„ - Claire Allen
(geb.
Miriam Claire Plaut)
Miriam Claire Plaut wird 1923 in Berlin als Tochter von Paul und Thekla
Plaut geboren. Ihr Vater ist Psychologe, Arzt und Gerichtsgutachter in
Jugendstrafprozessen, in psychologischen Kreisen verhältnismäßig
angesehen durch sein 1929 erschienenes Buch ‚Die Psychologie der
produktiven Persönlichkeit‘, für das er so angesehene, im
Dritten Reich dann jedoch ebenfalls verfemte Personen wie Heinrich und Thomas
Mann oder Max Pechstein befragt.
Als im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse hoch
dekoriertem Frontkämpfer kann er sich nicht vorstellen, im mit der
Machtergreifung der Nationalsozialisten neu entstandenen
‚Soldatenstaat‘ verfolgt zu werden. Er verleugnet, im Gegensatz zu
seiner Frau Thekla, bis 1938 die, durch die immer drastischere Formen annehmende
Judenhetze, wachsende Gefahr für sich und seine Familie.
Thekla engagiert sich schon seit einigen Jahren für den
‚Kindertransport‘, eine Initiative, die jüdischen Kindern zur
Ausreise aus Deutschland verhilft und sich um ihre Unterbringung in Familien
kümmert. Bei ihren Sammlungen lernt sie einen wohlhabenden Juden kennen,
der sie davon überzeugt, nach England auszuwandern. Sie gibt ein bereits
erhaltenes Visum für die USA an ihren Bruder ab und bemüht sich
fortan, zügig Englisch zu lernen.
Zwar sträubt sich Paul Plaut noch immer gegen eine Emigration, doch
ist im Juni 1938 die Lage der Juden inzwischen fatal, die
‚Reichskristallnacht‘ kündigt sich bereits an. Miriam
mußte zu Jahresbeginn ihre Schule verlassen, die Drangsalierungen im
Alltag sind kaum noch zu ertragen.
Thekla Plaut erkennt die lebensbedrohliche Situation sehr klar, und hat in
der Zwischenzeit während einer Englandreise für ihren Mann durch
beständiges Vorzeigen der Bücher und Arbeiten ihres Mannes für
diesen eine neue Anstellung gefunden: er wird in London als Gerichtsgutachter
die Aussagen jugendlicher Straftäter beurteilen. Nun endlich ist Paul Plaut
bereit, Deutschland zu verlassen.
Die Flucht führt zunächst nach Amsterdam, wo die Plauts noch
einige Wertsachen deponiert haben, die sie in hohlen Regalbrettern nach England
schmuggeln. Miriam nimmt die Reise kaum als Flucht wahr, sie hat vielmehr das
Gefühl eines normalen Umzuges, da die Eltern durch eine besonnene Planung
und lange Vorbereitungen einen Großteil des Privatbesitzes mitnehmen
können.
Sicher in England angekommen, bleibt der Familie kaum Zeit, sich gemeinsam
einzugewöhnen. Miriam wird noch 1938 für vier Jahre von den
Behörden in eine von Quäkern geführte Boarding-School, ein
Internat also, geschickt, die außerhalb Londons liegt, so daß sie
nur am Wochenende und in den Ferien ihre Eltern sieht. In der neuen Umgebung
jedoch gibt es keine Möglichkeit, der neuen Sprache auszuweichen,
Unterhaltungen auf Deutsch sind den Emigrantenkindern streng untersagt und
Miriam hat ausschließlich englische Freunde gefunden.
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